Gedicht: 


 
 

Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,

darin die Augenäpfel reiften. Aber

sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,



sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

 

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

unter der Schultern durchsichtigem Sturz

und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;



und bräche nicht aus allen seinen Rändern

aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,

die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

 

Historischer Hintergrund:


Rainer Maria Rilke schrieb das Gedicht "Archaïscher Torso Apollos" (Gedichtband "Neue Gedichte 2. Teil") im Jahre 1908. Bei diesem Werk handelt es um eines der bekanntesten Dinggedichte und ist als Hommage an den Bildhauer Auguste Rodin zu sehen, bei dem Rilke in den Jahren 1905/06 als Privatsekretär arbeitete. Auguste Rodin war der erste Künstler, der den Torso als ein in sich abgeschlossenes Kunstwerk schuf. 

 

Kurze Inhaltsangabe:


In den vier Strophen des Gedichts geht es um einen Torso (eine plastische Darstellung eines Körpers ohne Gliedmaße), der die Vollkommenheit nicht mehr nur in der Nachahmung der Natur interpretiert. In einer Zeit in der die Natur beliebig nachgeahmt und reproduziert werden kann (z.B. Fotografie), nimmt das Unvollkommene, das Fragment einen höheren Stellenwert als das beliebig herstellbare Ganze ein.

Während in der ersten zwei Versen der ersten Strophe der Kopf der Skulptur beschrieben wird, genauer sein Nichtvorhandensein, folgt in den nächsten zwei Versen der Vergleich des Torsos mit einem glühender mehrarmiger Kerzenhalter (Kandelaber).

In der zweiten Strophe wird thematisiert, dass dem Torso nicht nur die Gliedmaßen fehlen, sondern auch die Geschlechtsteile ("zu jener Mitte, die die Zeugung trug").

Die dritte Strophe bildet hingegen die Überleitung für die dramatische Wendung in der vierten Strophe, indem sie den Torso aus der Ebene der reinen Beschreibung erhebt ("Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz") und ihm jetzt eine höhere Bedeutungsebene zuschreibt ("und flimmert nicht so wie Raubtierfelle;)

Die vierte Strophe bildet einen Bruch bzw. Tausch der Betrachtungsebene. Jetzt ist es der Torso der vom Objekt zum betrachtenden Subjekt wird und den Betrachter zum Objekt degradiert ("denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht"). Abgeschlossen wird das Gedicht mit dem Appell: "Du mußt dein Leben ändern.  

Analyse der Struktur:


a) Strophen und Verse:

Das Gedicht "Archaïscher Torso Apollos" ist ein Sonett (Klanggedicht) mit 14 metrisch gegliederten Verszeilen, deren vier Strophen aus zwei Quartetten und daran anschließend zwei Terzetten zusammengesetzt sind. 

Die vier Strophen bzw. 14 Verszeilen sind vorwiegend im Präteritum und hier im Modus des Konjunktivs geschrieben. Einzelne Sätze stehen im Präsens.

b) Metrum:

Das vom Autor gewählte Metrum ist ein Jambus mit jeweils fünf Hebungen. 

Hebung: X   Senkung: x

z.B. Wir kann-ten nicht sein un-er-hör-tes Haupt,

       x     X     x     X     x     X   x   X    x     X

c) Kadenzen:

Die Kadenzen sind bei den Quartetten außen männlich und innen weiblich.  

d) Reimschema:

Die Quartette sind umarmende Reime, gefolgt von einem Paarreim, der strophenübergreifend in zwei Kreuzreim mündet ("abba" - "cddc" - "eef" - "gfg").

1. Strophe (Quartett): "abba→ Haupt Bucht - Flucht - zurückgeschraubt 

2. Strophe (Quartett): "cddc" → Bug - Drehen - gehen - trug 

3. Strophe (Terzett): "eef" → kurz - Sturz - Raubtierfelle 

4. Strophe (Terzett): "gfg" → Rändern - Stelle - ändern 

e) Reimanordnung:

Hinsichtlich der Reimanordnung dominiert der Endreim: 

Haupt/zurückgeschraubt, Bucht/Flucht, Bug/trug, Drehen/gehen, kurz/Sturz, Raubtierfelle/Stelle, Rändern/ändern

Ein Binnenreim findet sich im Bereich Vers 6 und 7: blenden - Lenden

 

Rhetorische Stilmittel:


a) Metapher:

Hinsichtlich des verwendeten rhetorischen Stilmittel ist vor allem die Metapher hervorzuheben. Vor allem das Leuchten des Torso wird so dargestellt. 

Vers 3: "sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,"

Vers 11: "und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle"

Auffallend ist auch die Formulierung in Vers 2: "darin die Augenäpfel reiften"

b) imperativer Appell:

Der bekannteste Vers des Gedichts ist ein "imperativer Appell".

Das Gedicht endet mit dem Satz: "Du mußt dein Leben ändern." (Vers 14) 

c) Antithese: 

Die Antithese (widersprüchliche Aussage) "Keine Stelle, die dich nicht sieht" ist im Vers 13 bis 14 zu finden. 

d) Alliterationen: 

In diesem Gedicht gibt es auch viele Alliterationen z.B. Vers 9:

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

e) Enjambement:

Zudem finden sich auch Enjambements (Zeilensprünge) z.B. (Vers 2 - 3)

2: ... Aber
3: sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
 

Interpretation:


In seiner Gesamtheit betrachtet handelt es sich bei "Archaïscher Torso Apollos" um ein Dinggedicht, das weit über die Beschreibung eines Torsos hinausgeht. Vielmehr wird mit der Bevorzugung des Unvollkommenen, des Fragments gegenüber der reinen Abbildung bzw. Nachbildung der Natur ein neuer Kunstbegriff implementiert.

Als Antwort auf alles durch die Wissenschaft berechenbare, vorhersehbare wird das bruchstückhafte (fragmentarische) ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Das überlässt dem Betrachter eine weiten bzw. individuellen Spielraum oder in Peter Sloterdijks Worten: "Intensität schlägt Standardperfektion" 

Doch damit nicht genug tauscht Rilke in der vierten Strophe noch die Betrachtungsebene. Das Objekt Torso degradiert jetzt den Betrachter zum Objekt  ("denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht"). Abgeschlossen werden diese 14 Zeilen epochale Dichtkunst mit dem scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Appell: "Du musst dein Leben ändern!"