Ballade: Die Brücke am Tay


Literaturgattung: Ballade

Autor: Theodor Fontane

Erstveröffentlichung: 1880

Inhalt: Einsturz der Eisenbahnbrücke Firth-of-Tay   

 

Die Brücke am Tay - Theodor Fontane

Abb. Firth-of-Tay-Brücke nach dem Einsturz

 

Ballade: Brücke am Tay


1 "Wann treffen wir drei wieder zusamm'?"

2 "Um die siebente Stund', am Brückendamm."

3 "Am Mittelpfeiler."

4 "Ich lösch die Flamm'."

5 "Ich mit."

6 "Ich komme vom Norden her."

7 "Und ich vom Süden."

8 "Und ich vom Meer."

9 "Hei, das gibt ein Ringelreihn,

10 und die Brücke muß in den Grund hinein."

11 "Und der Zug, der in die Brücke tritt

12 um die siebente Stund'?"

13 "Ei, der muß mit."

14 "Muß mit."

15 "Tand, Tand

16 ist das Gebild von Menschenhand."

 

17 Auf der Norderseite, das Brückenhaus -

18 alle Fenster sehen nach Süden aus,

19 und die Brücknersleut', ohne Rast und Ruh

20 und in Bangen sehen nach Süden zu,

21 sehen und warten, ob nicht ein Licht

22 übers Wasser hin "ich komme" spricht,

23 "ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,

24 ich, der Edinburger Zug."

 

25 Und der Brückner jetzt: "Ich seh einen Schein

26 am andern Ufer. Das muß er sein.

27 Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,

28 unser Johnie kommt und will seinen Baum,

29 und was noch am Baume von Lichtern ist,

30 zünd alles an wie zum heiligen Christ,

31 der will heuer zweimal mit uns sein, -

32 und in elf Minuten ist er herein."

 

33 Und es war der Zug. Am Süderturm

34 keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,

35 und Johnie spricht: "Die Brücke noch!

36 Aber was tut es, wir zwingen es doch.

37 Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,

38 die bleiben Sieger in solchem Kampf,

39 und wie's auch rast und ringt und rennt,

40 wir kriegen es unter: das Element.

 

41 Und unser Stolz ist unsre Brück';

42 ich lache, denk ich an früher zurück,

43 an all den Jammer und all die Not

44 mit dem elend alten Schifferboot;

45 wie manche liebe Christfestnacht

46 hab ich im Fährhaus zugebracht

47 und sah unsrer Fenster lichten Schein

48 und zählte und konnte nicht drüben sein."

 

49 Auf der Norderseite, das Brückenhaus -

50 alle Fenster sehen nach Süden aus,

51 und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh

52 und in Bangen sehen nach Süden zu;

53 denn wütender wurde der Winde Spiel,

54 und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel,

55 erglüht es in niederschießender Pracht

56 überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.

 

57 "Wann treffen wir drei wieder zusamm'?"

58 "Um Mitternacht, am Bergeskamm."

59 "Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm."

60 "Ich komme."

61 "Ich mit."

62 "Ich nenn euch die Zahl."

63 "Und ich die Namen."

64 "Und ich die Qual."

65 "Hei!

66 Wie Splitter brach das Gebälk entzwei."

67 "Tand, Tand

68 ist das Gebilde von Menschenhand"

 

Kurze Inhaltsangabe:


Die Ballade “Die Brücke am Tay” von Theodor Fontane handelt von einem Brückeneinsturz, der einen darauf fahrenden Zug in den Abgrund reißt.

Drei Perspektiven des Ablaufs werden durch die Sicht des Brückenwärterpaars (Strophe 2, 3 und 6), der drei Hexen (Strophe 1 und 7) sowie dem Lokomotivführer Johnie (Strophe 4 und 5) geschildert. 

Das Gedicht beginnt damit, dass sich drei Hexen (aus Shakespeares Macbeth) verabreden, um die Brücke samt Schnellzug einstürzen zu lassen. 

Das eigentliche Unglück wird aus der Sicht des Brückenwärterpaares und ihrem Sohn Johnie, den Lokführer, geschildert. 

Die Eltern müssen hilflos zusehen, wie ihr Sohn mit dem Zug in die Fluten stürzt.

Am Ende des Gedichtes kommen wieder die drei Hexen zu Wort, die zufrieden ihr Werk betrachten und sich zur nächsten Untat verabreden. 

 

Historischer Hintergrund:


"Die Brück' am Tay" ist die literarische Interpretation des tatsächlichen Brückeneinsturzes der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879. 

Die Brücke mit einer Länge von über 3 km war erst in den Jahren 1871 - 1878 gebaut worden und galt als Meisterwerk moderner Ingenieurskunst.

Als der Schnellzug aus Edinburgh um 19:17 den Mittelteil der Brücke passierte, brach diese unter der Windlast des Orkans und unter dem Gewicht des Zuges auf einer Länge von 1 km zusammen.

Der Zug stürzte daraufhin in den Fluss und riss 75 Menschen mit in den Tod. 

 

Formale Analyse:


Die Ballade besteht aus sieben Strophen und 68 Versen. 

Metrum und Kadenz sind unregelmäßig.

Die Rahmenstrophen - Prolog (erste Strophe) und Epilog (letzte Strophe) - sind inhaltlich den Hexen zugeordnet.

Die erste Strophe besteht aus 16, die letzte, eine verkürzte Variation der ersten, aus 12 Versen.

Die fünf Binnenstrophen setzen sich jeweils aus 4 Paarreimen mit 8 Versen zusammen.

Hinsichtlich des Tempus dominieren das Präsens und das Präteritum. 

Reimschema: 

1. Strophe: aabacdedffghggii (unregelmäßig)

2. - 6. Strophe:  aabbccdd (Paarreime)

7. Strophe: aaabcdedffgg  (unregelmäßig)

 

Merkmale einer Ballade:


In diesem literarischen Werk aus der Epoche des Realismus sind alle typische Gestaltungsmerkmale einer Ballade vorzufinden:

a) Lyrik: Verse und Reime

b) Epik: Handlungsverlauf

c) Dramatik: wörtliche Rede

 

Rhetorische Stilmittel:


Als Stilmittel fallen in der Ballade besonders die Personifikationen, (Dinge mit menschlichen Eigenschaften), Alliterationen (Stabreime), Vergleiche und Ellipsen (verkürzte Sätze) auf.

Beispiele für Personifikationen: 

2. Strophe: "ich, der Edinburger Zug."

2. + 6. Strophe: "Fenster sehen"

3. Strophe: "ein Licht spricht 

4. Strophe: "ein Zug keucht"

 

Interpretation "Die Brücke vom Tay"


Theodor Fontane nimmt den Anlass des Brückeneinsturzes mit 75 Toten zum Anlass die Technikgläubigkeit der damaligen Zeit zu hinterfragen.

Zumal diese Brücke mit über 3 km Länge als Meisterwerk moderner Ingenieurskunst galt. 

Mit dem Motiv der drei Hexen aus Shakespeares Macbeth verleiht er den Naturgewalten eine Sprache, wenn er sie rufen lässt: "Tand, Tand/ Ist das Gebilde aus Menschenhand."

Die Technikgläubigkeit wird durch den Lokführer Johnie verkörpert, der bis zuletzt an den Sieg der Technik glaubt und dies mit seinem Leben bezahlt. 

"Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
die bleiben Sieger in solchem Kampf,
und wie's auch rast und ringt und rennt,
wir kriegen es unter: das Element."

Die drei Hexen, die die Gewalt der Natur symbolisieren, triumphieren hingegen:

"Ich nenn euch die Zahl."
"Und ich die Namen."
"Und ich die Qual."
"Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei."
"Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand"

 

PDF-Übungsblätter:


Die Brücke am Tay Fragen Übungsblatt

Die Brücke am Tay Inhaltsangabe Übungsblatt

Die Brücke am Tay Formale Analyse Übungsblatt

Ballade Die Brücke am Tay Interpretation Übungsblatt

Ballade Die Brücke am Tay Merkblatt