Gedicht Stufen:


Gedicht Stufen Hermann Hesse Interpretation

Gedicht Stufen:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Historischer Hintergrund:


Hesse schrieb in seinem Leben über 1 400 Gedichte. In dieser gewaltigen Zahl drückt sich auch aus, dass für Hermann Hesse selbst Gedichte einen weit höheren Stellenwert einnahmen als seine Romane (z.B. Steppenwolf). Die Gedichte entsprangen seiner Spontanität, dogmatisches Denken hingegen war ihm völlig fremd.  

Trotz des furchtbaren Krieges und seiner gerade überstandenen langen Krankheit hält er an seinem Lebensoptimismus fest: "Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten". Aber diese Räume zu durchschreiten verlangen auch Mut und Tapferkeit. Damit schafft er die Idealfigur eines aktiv handelnden Menschen, der stets bereit für neue Erfahrungen ist und keine neuen Herausforderungen scheut. 

 

Inhaltsangabe Gedicht Stufen:


Hermann Hesse schrieb am 4. Mai 1941 nach langer Krankheit und mitten im Krieg ein optimistisches Gedicht, welches er ursprünglich "Transzendieren" nannte und dem Expressionismus zuzuordnen ist. Bekannt wurde es dann unter dem schlichten Titel "Stufen". Darin beschreibt er das Leben des Menschen als einen Prozess von Stufen, welcher nicht einmal mit dem Tod endet. Es spielte eine wichtige Rolle in Hesses Roman "Das Glasperlenspiel" (1943), wo das Gedicht im zweiten Teil "Josef Knechts hinterlassene Schriften" wiedergegeben wird.

Die immer schneller vergehende Lebenszeit stellt der Autor mit der immer kürzer werdenden Versanzahl pro Strophe bildlich dar (10 - 8 - 4).

Es geht in diesem Gedicht Stufen aber nicht um die reine Darstellung des Alters, sondern darum dass der Mensch danach streben soll sich "Stufe" für "Stufe" weiterzuentwickeln bzw. offen für Neues zu sein.

In der ersten Strophe vom Gedicht Stufen wird einerseits die Vergänglichkeit des Lebens thematisiert ("Wie jede Blüte welkt und jede Jugend - Dem Alter weicht") und andererseits darauf hingewiesen, das jede Altersstufe wertvoll ist ("blüht jede Lebensstufe"). Dann wird die Überleitung vom biologischen Alter zum Bereitsein fürs Abschied nehmen und zum Bereitsein für Neues thematisiert und in den wohl bekanntesten Versen des Gedichts ausgedrückt:

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben"

In der zweiten Strophe vom Gedicht Stufen wird das am Ende der ersten Strophe besprochene Thema "Neues zu wagen" noch einmal verstärkt in den Fokus gerückt. An nichts sollen wir für immer festhalten sondern "heiter Raum um Raum durchschreiten". Wer für diesen ständigen Veränderungsprozess nicht bereit ist, dem droht "Erschlaffen". Zum Abschluss der zweiten Strophe wird das Gesagte in mahnende Worte gekleidet:

"Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."

Die dritte Strophe ist die kürzeste und hoffnungsvollste zugleich. Weil über den Tod hinaus wird der Mensch neue Räume für sich entdecken ("Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ..."). Der letzte Vers sieht im Tod den wichtigsten Schritt der fortschreitenden Entwicklung zu einer höheren Ebene:

"Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Analyse der Struktur Gedicht Stufen:


a) Strophen und Verse:

Das Gedicht Stufen umfasst drei Strophen und 22 Verszeilen.

b) Metrum:

Das vom Autor gewählte Metrum ist ein Jambus mit jeweils fünf Hebungen. 

Hebung: X   Senkung: x

Beispiel:

Wie je-de Blü-te welkt und je-de Ju-gend
x    X   x   X  x     X       x  X  x    X   x

c) Kadenzen:

Die gewählten Kadenzen vom Gedicht Stufen sind weiblich.

d) Reimschema:

Das Reimschema vom Gedicht Stufen ist ungewöhnlich. Die erste Strophe benutzt das Reimschema abacbdcede.

In der zweiten Strophe folgen auf einen umarmenden Reim (abba) Kreuzreime (cdcd).

Während die dritte Strophe nur aus einem umarmenden Reim (abba) besteht.

1. Strophe : "abacbdcede

Jugend - Lebensstufe - Tugend - dauern - Lebensrufe - Neubeginne - Trauern - geben - innen - leben

2. Strophe: "abbbcdcd

durchschreiten - hängen - engen - weiten - Lebenskreise - Erschlaffen - Reise - entraffen

3. Strophe: "abba

Todesstunde - senden - enden - gesunde

e) Reimanordnung:

Hinsichtlich der Reimanordnung vom Gedicht Stufen dominiert der Endreim: 

Lebensstufe/Lebensrufe, Jugend/Tugend, dauern/Trauern, Neubeginne/innen, geben/leben, durchschreiten/weiten, hängen/engen, Lebenskreise/Reise, Erschlaffen/entraffern, Todesstunde/gesunde, senden/enden

 

Rhetorische Stilmittel Gedicht Stufen::


a) Metaphern: z.B. "blüht jede Lebensstufe" (Vers 2)

b) Symbole: z.B. Stufen = Wandlungen, Lebensabschnitte (Vers 14) 

c) Aphorismus: z.B. „Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde.“ (Vers 22)

d) Anaphern: z.B. "blüht" (Vers 2 und 3)

e) Antithesen: z.B. "welkt" - "blüht" (Vers 1 und 2)

f) Alliterationen: z.B. "Heimat" - "hängen" (Vers 12)

g) Allegorie: z.B. "Wie jede Blüte welkt" = gemeint ist das Leben  (Vers 1)

h) Repetition: z.B. "Stuf' um Stufe"  (Vers 14) 

  

Interpretation Gedicht Stufen:


Der grundoptimistische Ton gipfelt in den bekanntesten Zeilen des Gedichts: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben". Und dieser Zauber steht am Beginn eines jeden Lebensabschnitts. Damit durchbricht er die Metapher von blühender Jugend und welkendem Alter und ersetzt sie durch die Selbstbestimmtheit des Menschen, der sich in jedem Lebensabschnitt eine neue schöne Welt erschaffen kann: "Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden..." 

Derjenige lebt, der für den Wandel bereit ist und nicht erschlafft im gewohnten Lebensbereich. Wandel wird daher nicht nur als ein biologisch fortschreitender (Alterungs)Prozess gesehen, sondern als positive Grundeinstellung, der den Geist über den Körper stellt.  Die Welt ist für denjenigen offen, der sich ihr zuwendet: "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen". Und dieser Aufbruch in neue Räume geht über den Tod des Menschen hinaus.